Schiffe bringen den toxischen Abfall nach Frankreich, doch über die Opfer an der Elfenbeinküste redet keiner mehr.
Den Giftmüll haben sie nun wieder weggeschifft aus der Hafenstadt Abidjan, eine Ladung mit 3000 Tonnen hat vergangene Woche Frankreich erreicht, zwei weitere sollen folgen. Von Le Havre aus rollt die gefährliche Fracht auf Zügen in eine Anlage südlich von Lyon, wo sie unschädlich gemacht werden soll. Über die vielen Opfer in Westafrika spricht kaum noch einer. Ihre Gesundheit ist mehr oder weniger ruiniert, je nachdem, wie viel die Leute von dem Gift erwischt haben. Alle hoffen auf Hilfe und Entschädigung, doch die lässt auf sich warten. Zwar hat der Giftmüllskandal in der Elfenbeinküste weltweite Empörung ausgelöst. Doch müssen Gerichte erst noch entscheiden, wer die Schuldigen sind in diesem Drama um Gift, Tod und Vertuschung.
Europäische Anwälte, die nun die Interessen afrikanischer Opfer wahrnehmen, sehen die Firma Trafigura mit Sitz in Amsterdam als den Schuldigen. Sie habe durch ihre Nachlässigkeit das Desaster ausgelöst und trage deshalb die Verantwortung für die Vergiftungen, die Bewohner von Abidjan erlitten, argumentiert ein niederländischer Anwalt, der nach eigenen Angaben etwa 1000 Bewohner in Abidjan vertritt.
Bislang zehn Tote
Bislang starben an dem Müll zehn Menschen, fast 100.000 brauchen ärztliche Hilfe. Vertreter der Opfer fordern 12,5 Millionen Dollar als Kompensation, andernfalls werde die Firma Trafigura verklagt. Die Staatsanwaltschaft in der Elfenbeinküste hat 18 Personen wegen der Affäre angeklagt, davon sitzen sieben im Gefängnis, auch zwei Mitarbeiter von Trafigura und der Direktor der lokalen Entsorgerfirma Tommy.
Noch immer ist nicht zweifelsfrei geklärt, woher einige der lebensgefährlichen Stoffe stammen. Bekannt ist, dass die Firma Trafigura am 19. August mehr als 500 Tonnen Müll vom Frachter Probo Koala in Abidjan entlud. Dabei soll es sich um Rückstände gehandelt haben, wie sie beim Reinigen von Öltanks anfallen. Mit der weiteren Entsorgung hatte das Unternehmen die lokale Firma Tommy beauftragt. Diese kippte offenbar den Abfall nachts an 17 verschiedenen Deponien und Halden einfach aus. Kurze Zeit später strömten die ersten Menschen in die Hospitäler, bald schon waren es Tausende, die über Kopfschmerzen, Nasenbluten, Atemnot und Verdauungsprobleme klagten. Schnell baute sich bei den Opfern unbändiger Zorn auf, in Abidjan kam es zu Unruhen, bis schließlich das gesamte Kabinett wegen des Skandals zurücktreten musste.
Die Firma will von nichts gewusst haben
Experten sammelten Proben ein und fanden heraus, dass der Abfall giftige Schwefelverbindungen enthielt, die in hoher Konzentration zum Tode führen. Doch die Firma Trafigura erklärte, sie habe von all dem nichts gewusst.
Nach Angaben des Unternehmens hätte der Müll, der geladen war, niemals so große Schäden anrichten können. Direktor Eric de Turckheim versicherte öffentlich, man habe sich "legal und korrekt" verhalten. Die Darstellung des Unternehmens weckt Zweifel, besonders weil das Schiff seinen Müll eigentlich schon in Amsterdam entsorgen wollte, dann aber doch damit nach Afrika weiterfuhr. Schon in den Niederlanden gab es offenbar Hinweise darauf, dass es sich womöglich um Giftmüll handelte, der nicht nach Abidjan hätte ausgeführt werden dürfen. Und ein UN-Experte erklärte nach ersten Untersuchungen in der Elfenbeinküste, dass es sich sehr wohl um "petrochemische Abfälle" gehandelt habe, die laut Baseler Abkommen Europa so gar nicht hätten verlassen dürfen.
Während die Suche nach den Schuldigen weitergeht, plagen die Bewohner von Abidjan große Zweifel, ob das Verschiffen der 6000 Tonnen nach Frankreich tatsächlich ausreicht, um weitere Gesundheitsschäden zu verhindern. Schließlich hat dort keiner schöne weiße Schutzanzüge und Atemgeräte, wie sie die Arbeiter der französischen Firma Tredi trugen, als sie mit ihren Bulldozern das Erdreich tonnenweise abtrugen und in Hunderten Containern für die Überfahrt nach Le Havre versiegelten. Viele Bewohner würden lieber weggehen. Aber kaum einer hat das Geld, um irgendwo anders neu anzufangen.
Süddeutsche Zeitung